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Das 2. Gesetz des LangeWeges

 

 

 „Ja, der Herbert ist halt ein richtiger Kämpfer“, bekam ich als Kind und Jugendlicher manchmal zu hören – was zweifelsfrei als Kompliment gemeint war. Eine typische Situation aus dieser Zeit war die folgende:

 

Beim Reckturnen im schulischen Sportunterricht war ich eine ausgesprochene Gurke. Obwohl ich ein ziemlich kräftiges Kerlchen war, hatte ich die richtige Technik nicht drauf, um einen eleganten Feldumschwung hinzubekommen.

Mir gelang es dabei einfach nicht, den Körper eng an der Stange zu halten, um dann mit dem Schwung arbeiten zu können. Stattdessen hing ich eher wie ein Schimpanse an der Reckstange – von Eleganz keine Spur.

 

Aber ich gab nicht auf. Wenn es schon an Technik mangelte, so meine Überlegung, dann musste ich eben mit ein bisschen Kraft nachhelfen.

Ähnlich wie beim Klimmzug zog ich meinen Körper allmählich näher an die Stange und schaffte es dann mit purer Muskelkraft, mich irgendwie um die Stange herumzuwinden.

 

Mein damaliger Sportlehrer schaute mir zu, schüttelte den Kopf und lachte. Offenbar imponierte ihm mein unbedingter Wille aber doch, einen völlig verkorksten Anfang doch noch mit Ach und Krach zu einem (brauchbaren) Ende zu führen und er meinte: „Ja, der Herbert ist halt ein richtiger Kämpfer.“ Ich gab nie vorschnell auf, was mich in den Augen der anderen also zum Kämpfer machte.

Der Titel hat mir gut gefallen.

 

In der Rückschau denke ich darüber allerdings anders. Muss der Mensch kämpfen, wenn er etwas erreichen will? Wenn ja, gegen wen oder was? Gegen sich? Gegen einen Gegner oder Konkurrenten? Gegen die Reckstange? Wenn ich zum Ziel kommen möchte, dann ist Einsatz, manchmal Klugheit und oft Ausdauer gefragt – besonders dann, wenn das Ziel schwer erreichbar ist.

Doch haben Einsatz, Ausdauer und Entschlossenheit tatsächlich etwas mit Kampf zu tun? Sind sie Teil einer Kämpfermentalität? Oder nicht doch eher eine Frage der Motivation?

 

Der erfolgreiche Kämpfer ist in unserer Kultur hochgeachtet

 "Quäl dich, du Sau!“, soll Udo Böltz Jan Ullrich zugerufen haben, als dieser in den Vogesen bei der Tour de France 1997 zu erlahmen begann.

Im Sport, im Beruf und im Leben überhaupt gilt: Wer etwas erreicht hat, hat sich „durchgebissen“, „durchgekämpft“, „durchgesetzt“ oder „durchgeschlagen“. Unsere Sprache kennt dafür viele kraftvolle Ausdrücke.

Der Erfolgreiche ist also eine Art moderner Krieger, der in der Kampfzone gegen Konkurrenten obsiegt hat. In der Regel schlägt er sich als Einzelkämpfer durch – gegen etwas, gegen sich oder gegen andere. Nur selten sind Kämpfertypen im Verbund unterwegs, wie beispielsweise in Parteien, Organisationen oder im Radprofi-Team.

 

Wir brauchen eine neue Philosophie

LangeWeg-Geher übernehmen nicht ohne Weiteres solche kulturtypischen Überzeugungen und Gewohnheiten. Sie nehmen ihnen gegenüber vielmehr eine distanzierte Haltung ein. Eine Grundüberzeugung dieser neuen Philosophie beschreibt das in meinem Buch formulierte 2. Gesetz:

 

Menschen erhalten ihre Probleme häufig dadurch aufrecht,

dass sie kämpfen, flüchten, vermeiden

und/oder sich unterwerfen.

 

Ein Gesetz mit großer Tragweite. Wer diesen Satz zum ersten Mal liest, mag ihn vielleicht zunächst überspitzt finden oder sogar anzweifeln – oder allenfalls denken, dass sich diese These ja ganz interessant anhört ...

 

Wenn du jedoch den LangeWeg wirklich beschreitest, wirst du verblüfft sein, wie häufig dieses Gesetz – wenn auch oft unterschwellig – am Werk ist. Es kann eine ausgesprochen mächtige Wirkung entfalten. Wenn du andererseits damit richtig umzugehen weißt, kann dir das deutliche Vorteile bringen.

 

Aus Sicht der Psychologie können die Ursachen dieses „Gesetzes“ bei inneren Mustern und Konflikten liegen. In „Wer nix checkt, kann nix ändern!“ habe ich den Geltungsbereich des beschriebenen Verhaltensmusters, das häufig zur Aufrechterhaltung von Problemen führt, erweitert, wodurch es auf viele Lebenssituationen angewendet werden kann.  

 

Ursachen und Wirkungen des 2. Gesetzes

Nach dem 2. Gesetz versucht der Mensch also häufig, seine Probleme mit einem der drei typischen Bewältigungsstile zu „lösen“: 1. kämpfen, 2. flüchten/ vermeiden, 3. sich unterwerfen/resignieren.

Diese Punkte möchte ich noch etwas genauer beleuchten:

 

Kampf

Hier unterscheide ich zwischen inneren und äußeren Kämpfen.

Äußere Kämpfe sind dadurch gekennzeichnet, dass sie sichtbar und hörbar sind – es sind die oft lautstarken Auseinandersetzungen in der Politik, in Arbeitsteams, in Familien, in zwischenmenschlichen Beziehungen …

Mit inneren Kämpfen ist der unsichtbare und lautlose Ringkampf im Kopf gemeint, das Hadern und Schimpfen mit sich und der Welt. Entsprechende Selbstgespräche können diesen Charakter haben: „Warum habe ich mich (in dieser oder jener Situation) manipulieren, unterkriegen, weichklopfen … lassen!? Hätte ich so oder so reagiert, dann hätte ich mir den ganzen Schlamassel ersparen können … ich Idiot!“ Oder so: „Warum muss denn der Blödmann (vielleicht der Chef) mir noch mehr Aufgaben aufhalsen. Er müsste doch sehen, dass ich in Arbeit versinke … hat der Tomaten auf den Augen? Der Trottel!“

 

Das Problem beider „Kampfsportarten“ ist: Kampf löst Widerstand aus, Druck erzeugt Gegendruck. Es werden innere und äußere Gegenkräfte mobilisiert, die die Probleme auf einem hohen Spannungsniveau aktiv halten und damit eher konservieren. Deshalb ist der Kampf als zielführender Bewältigungsstil eher ungeeignet.

 

Kampf geht außerdem nicht selten mit Krampf einher. Das unbedingte Wollen, das im Kampf zum Ausdruck kommt, macht die Menschen oft verkrampft. Dies ist eine Spielart von „dysfunktionalen Zielkonzentrationen“, die ich in meinem Buch beschrieben habe.  

 

Flucht und Vermeidung

Der Mensch kann manchmal unliebsamen Situationen oder Personen aus dem Weg gehen. Er kann auch vor unangenehmen Gefühlen wie Angst, Ärger oder Einsamkeit flüchten, indem er sich beispielsweise ablenkt oder versucht, sie mit Alkohol oder anderen Drogen zu dämpfen.

Kurzfristig kann dies eine emotionale Entlastung bewirken. Aber auf lange Sicht werden dadurch die Schwierigkeiten konserviert oder sogar verstärkt.

 

Unterwerfung und Resignation

Ich bin der Kleine, der Schwache oder – sehr beliebt – das Opfer. Das Opfer meiner Gene, meiner Erziehung, anderer Menschen … Das ist mein unüberwindliches Schicksal. Mit diesem Denken enthebe ich mich meiner Eigenverantwortung. Ich muss nichts tun, weil ja eh alles nix nützt. Eine sehr bequeme und (kurzfristig) energiesparende Einstellung.

 

Was also tun?

Wenn ich schon nicht kämpfen, flüchten oder mich unterwerfen darf – was dann?

Und reicht es, bei der eigenen Zielverfolgung auf die drei genannten Bewältigungsmodi zu verzichten? Oder muss noch etwas hinzukommen?

Die Antwort lautet: Es kommt darauf an ... genauer, auf den konkreten Fall.

Im Falle meiner Spitz-Story, die ich im Buch beschreibe und hier kurz nacherzähle, war das ausreichend.  

 

Die Spitz-Story

Im zarten Alter von sieben Jahren hatte ich meine erste Freundin. Immer, wenn ich sie besuchen wollte, musste ich an einem Haus vorbeigehen, das von einem Spitz bewacht wurde. Sobald ich das Haus erreichte, kam der Hund bellend angeschossen. Ich hatte höllische Angst vor dem Viech und rannte weg. Regelmäßig verfolgte er mich. Einmal biss er mich sogar ein bisschen.

Eines Tages ging ich zu meinem Vater und fragte ihn, was ich tun solle. Er sagte: „Wenn du das nächste Mal am Spitz-Haus vorbeigehst, geh langsam und tu so, als gäbe es ihn nicht“. Gesagt, getan. Voller Angst gelangte ich zum Haus, zwang mich aber trotz schlotternder Knie langsam zu gehen. Das kläffende Monstrum raste mir wieder wie ein geölter Blitz entgegen. Doch diesmal spürte ich sehr schnell – das kleine Ungeheuer zeigte sich irritiert! Ich reagierte nicht mehr auf ihn, woraufhin er nichts mehr mit mir anzufangen wusste. Die Bellerei wurde immer weniger, bis der Spitz kaum noch Notiz von mir nahm. Auch mein negatives Gefühl – in diesem Falle Angst – nahm peu à peu ab.

Durch Nichtkämpfen, Nichtflüchten und Nichtunterwerfen war es mir gelungen, meine Angst vor und das Problem mit dem Hund zu überwinden.

 

Mit etwas Fantasie kannst du die Lehren aus der Spitz-Geschichte auf viele Problemlagen übertragen und für die Verfolgung unterschiedlicher Ziele einsetzen.

 

Bei manchen Schwierigkeiten, die du überwinden möchtest, kann dir die 2- bzw. 3-Schritte-Methode des LangeWeges zusätzlich nützlich sein. Sie hilft dir, in problematischen Situationen deine Gefühle in die gewünschte Richtung zu lenken. Wenn du wissen möchtest, wie sie funktioniert, dann schau dir das Beispiel von Rainer an:

https://www.langeweg.de/2019/12/20/rainer-mit-dem-goldenen-l%C3%B6ffel-im-mund/

 

Markus geht „induktiv“ durchs Leben

Im nächsten Praxis-Artikel am 31.07.2020 stelle ich dir Markus vor. Er möchte seinen Selbstsabotage-Programmen auf die Schliche kommen und geht dabei „induktiv“ vor.

 

Ich freue mich, dich dann wieder als Leser begrüßen zu dürfen.

 

Geh beharrlich deinen Weg – meine besten Wünsche begleiten dich dabei

Herbert Lange

 

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