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Simone – genussvoll leben

 

Von Theodor Hosemann stammt eine Lithografie mit dem Titel „Genuss“. Darauf ist ein übergewichtiger Mann mittleren Alters bei einem Fest im Freien zu sehen, vielleicht auch in einer Gartenwirtschaft. Auf seinem linken Arm transportiert er drei mit vermutlich leckeren Speisen bestückte Teller. In seiner rechten Hand trägt er drei volle Bierkrüge. Er hat eine Pfeife im Mund, in der eine Zigarre steckt. So beladen ist er offenkundig dabei, seinen Sitzplatz anzusteuern.

 

Die Lithografie stammt aus dem vorletzten Jahrhundert. Dennoch bin ich mir sicher, dass auch heute viele Menschen Genuss mit solchen Bildern und Vorstellungen verbinden. Genießen kann man vieles: Bier, leckere Gerichte, Zigarren, Pfeifen, Wandern, Lesen, Musik hören, Sex …

Genuss ist sicher sehr subjektiv und wird vom kulturellen Hintergrund stark beeinflusst.

 

Unabhängig davon ist Genuss stets eine positive Sinneserfahrung. Inwieweit ein Mensch Genuss erleben kann, hängt von seiner Genussfähigkeit ab. Gemeinhin wird darunter verstanden, ob er sich dem Genießen hingeben kann, ob er es bejahen kann. Aber was heißt „hingeben“ oder „bejahen“ genau? Lässt sich Genussfähigkeit steigern oder trainieren? Gibt es auch genussfeindliche Einstellungen und Faktoren? Simones Fall gibt Antworten auf diese Fragen. 

 

Die Geschichte

Als Jugendliche fühlte sich Simone als ziemlich freier Vogel. Die Schule bereitete ihr wenig Schwierigkeiten und deshalb hatte sie viel Zeit und Muße, sich ihren Freizeitvergnügungen hinzugeben. Sie hatte Spaß und Genuss an vielem: mit Freundinnen und Freunden gute Musik hören, inspirierende Gespräche führen, wilde Partys feiern, fremde Länder bereisen und interessante Kerle näher kennenlernen … 

 

Das einengende Spinnennetz

Ohne dass sie es recht bemerkte, begann sich um Simone allmählich ein Netz zu spinnen. Ein Netz, bestehend aus Verpflichtungen, Abhängigkeiten, Erwartungen und viel Engagement. Ihre Flügel begannen zu schrumpfen.

 

Es fing bereits im Studium an. Im Unterschied zur Schule musste sie viel Fleiß und Mühen aufbringen, um den Hochschulabschluss mit den gewünschten Noten zu erreichen. Um finanziell über die Runden zu kommen, bediente sie in einer Studentenkneipe und putzte Treppenhäuser. Darüber hinaus war sie im AStA, dem Allgemeinen Studentenausschuss, engagiert.

 

Heute ist Simone 44 Jahre alt, aber an der Grundsituation hat sich seit dem Studium nichts Wesentliches verändert. Sie macht viele Dinge mit Freude, Einsatz und Überzeugung – ihren Job, die Pflege ihres Gartens, die Betreuung ihrer Eltern … Außerdem hat Simone eine 15-jährige Tochter, die eine äußerst talentierte Tennisspielerin ist. An den Wochenenden fährt Simone mit ihr häufig zu Turnieren oder Mannschaftsspielen. Voller Stolz auf ihr Töchterlein macht sie das sehr gerne. Glücklicherweise erlebt sie bei ihrem ganzen Engagement wenig negativen Stress.

 

Dennoch dämmert ihr immer mehr: Irgendetwas kommt zu kurz. Besonders bewusst wird ihr das, wenn sie ihre Freundin Ruth besucht. Sie ist für Simone ein äußerst interessanter Mensch, weil sie eine Art Gegenentwurf ihres eigenen Lebenskonzeptes lebt. Ruth arbeitet halbtags, um ihr bescheidenes Dasein zu finanzieren. Sie führt ein insgesamt reduktionistisches und entschleunigtes Leben. Sie hat wenig, aber dennoch viel. Nämlich viel Zeit und Muße für sich. Sie genießt ihre Freundschaften, die Waldspaziergänge, bei denen sie Bärlauch und Pilze sammelt, die sie dann zu leckeren Gerichten verarbeitet.

 

Ruth macht so ziemlich alles mit einer bewundernswerten inneren Ruhe und Konzentration – Musik hören, kochen, malen, lesen … Für Simone ist sie der lebendige Beweis dafür, dass es dem Menschen möglich ist, das Leben ohne viel Geld in vollen Zügen genießen zu können.

Sie widerlegt das weitverbreitete Märchen, dass (materieller) Verzicht mit Selbstbestrafung, Askese oder Kasteiung zu tun hat.

 

Ein Märchen, an das Simone lange auch geglaubt hat – das gesteht sie sich heute ein. Lange war sie der Überzeugung, dass Genuss mit Geld gekauft werden kann. Indem sie sich etwas Schönes gönnte, beispielsweise Schuhe, Klamotten oder schicke Brillen. Natürlich kann man diese „Genussmittel“ auch genießen, aber in ihrem Falle waren es eher Tröster und Surrogate. Sie strengte sich gewaltig an, ihre vielen Aufgaben alle zu erfüllen und Klamotten oder Ähnliches waren dann ihre Belohnungen. Mit Genuss im Ruth´schen Sinne hatte das wenig zu tun.

 

Zurück zu Ruth: Ihr gelingt es zudem sehr gut, ihre Aktivitäten gesund zu dosieren. Gefällt dem Menschen etwas, dann will er es oft festhalten und er möchte häufig immer mehr davon haben. „Genug ist nicht genug“, lautet dann das Lebensmotto. Wenn ein Bier gut tut, dann tun drei Bier dreimal so gut.

 

Ruth hingegen scheint ihre Sättigungsschwellen sehr gut zu erspüren. Oft hört sie dann auf, wenn es am Schönsten ist. Oder zumindest kurz danach. Ihr ist bewusst, dass der Genuss und das Glück nicht gefangen genommen werden können, nicht immerwährend konservierbar sind. Deshalb gelingt es ihr, ihre Freuden mit einer guten Portion Leichtigkeit auszukosten. Sie weiß meist, wann die Zeit zum Loslassen gekommen ist. 

 

Simones Persönlichkeitsentwicklung

Was kann sie loslassen? Vielleicht genussfeindliche Überzeugungen – beispielsweise, dass Genuss eine Frage des Geldes ist oder dass Genuss und Belohnung dasselbe bedeuten?

 

Simone möchte sich eine Scheibe von ihrer Freundin Ruth abschneiden. So einfach, quasi per Beschluss, geht das aber leider nicht. Genießen können setzt eine Geisteshaltung voraus, die gelernt werden will, so denkt Simone. Sie unterhält sich mit Ruth darüber. Diese rät ihr, ein Achtsamkeitsseminar zu besuchen, also ein Seminar, bei dem die Teilnehmer lernen können, Achtsamkeit zu üben. Dazu gehört achtsam zu atmen, zu riechen, zu betasten, zu schmecken, zu beobachten … – möglichst ohne sich dabei wertende Urteile zu bilden.

 

Genussfähigkeit wird häufig als Fähigkeit verstanden, sich einer Sache hinzugeben, im Sinne von etwas geschehen lassen oder zulassen können. Das wiederum bedeutet, das wertende, kritische, ablenkende oder kontrollierende Gehirn abzuschalten oder zumindest runterzufahren.

Auch das ist leichter gesagt als getan. Das will wahrlich geübt werden. Genießen kann also durch konzentrierte gelenkte Aufmerksamkeit durchaus gelernt werden, wobei das denkende, wertende Gehirn in den Standby-Modus gesetzt werden sollte.

 

Der kritische Geist mag hier einwenden, dass der Begriff Genuss bereits eine Bewertung beinhaltet. Und zwar eine positive, ansonsten würde man vielleicht vom Verdruss sprechen. Stimmt, wenn man es genau nimmt, ist das zutreffend. Aber es reicht für Simone und andere Genießer in spe völlig aus, das Gehirn zu beruhigen und seine stets kritische Denktätigkeit möglichst zu reduzieren (Standby-Modus). Damit ist schon viel gewonnen.

 

Beim Gehen des LangeWeges spielt die nicht wertende Achtsamkeit ebenfalls eine große Rolle, besonders beim Aufspüren eigener Sabotage-Programme

 

Das 2. Gesetz des LangeWeges

Dieses lautet: Menschen erhalten ihre Probleme häufig dadurch aufrecht, dass sie kämpfen, flüchten, vermeiden und/oder sich unterwerfen.

Beim LangeWeg ist das ein ganz zentrales Gesetz mit großer Tragweite. Wenn du den Weg beschreitest, wirst du verblüfft sein, wie häufig und wie versteckt dieses Gesetz wirkt.

Ich stelle es dir am 17.07.2020 im nächsten Basic-Artikel vor.

 

Ich freue mich, dich dann wieder als Leser begrüßen zu dürfen.

 

Geh beharrlich deinen Weg – meine besten Wünsche begleiten dich dabei

Herbert Lange

 

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