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1. Gesetz: Das Spiegel-Gesetz

 

Mit einer kleinen Geschichte möchte ich beginnen. Während meines Studiums wurde uns Studenten in einem Seminar einmal das Bild einer Person gezeigt, die einen relativ neutralen Gesichtsausdruck hatte. Dann sollte jeder Einzelne von uns sagen, was er glaubte, was für ein Mensch die gezeigte Person sei.

 

Die Antworten fielen in etwa so aus: Ein gelassener, nervöser, liebevoller, jähzorniger, verbitterter, hinterlistiger, großzügiger, beziehungsfähiger, beziehungsunfähiger, intelligenter, schlichter … Mensch.

 

Von allem war etwas dabei. Ich konnte es kaum fassen! Erstaunlich, wie subjektiv das menschliche Urteilsvermögen doch ist, dachte ich. Im zweiten Moment war mir klar: Das Bild spiegelt uns selbst.

 

Es waren unsere Fantasien oder wahrscheinlich eher Erfahrungen und Befindlichkeiten, die wir in die vorgestellte Person hineindeuteten. In der vollen Überzeugung über jemand anderen zu reden, offenbarten wir uns selbst.

 

Nachdem ich am 22.05.2020 ganz allgemein die „Grundgesetze“ des LangeWeges beschrieben habe, möchte ich dir hier in der Basic-Blog-Reihe nun die einzelnen Gesetze konkret vorstellen.

 

Zur Erinnerung sei noch einmal kurz erwähnt, dass ich mit den „Grundgesetzen“ bestimmte psychische und zwischenmenschliche Regeln meine, die beachtenswert sind. Wer sie kennt und respektiert, hat es in vielen Situationen leichter. Wer sie nicht beachtet, bekommt öfter Probleme.

 

Eine Kernaussage des Spiegel-Gesetzes lautet:

 

Viele zwischenmenschliche Konflikte

spiegeln innerpsychische Konflikte

und umgekehrt.

 

Der Mensch bedient sich gerne bestimmter Abwehrmechanismen, welche die Funktion haben, der eigenen Psyche Stabilität zu verleihen. In meinem Buch „Wer nix checkt, kann nix ändern!“ habe ich drei bekannte psychischen Schutzmechanismen vorgestellt: Projektion, Verdrängung und Rationalisierung.

 

Hier im Blog möchte ich mich heute auf die Projektion konzentrieren. Sie hat für die Lebenspraxis eine ausgesprochen starke Bedeutung. Jedem LangeWeg-Geher empfehle ich, den Mechanismus, der hinter Projektionen steckt, kennenzulernen und sich der eigenen projektiven Anteile bewusst zu werden – sie sind das Fremde in der Innenwelt.

 

Projektion als psychischer Abwehrmechanismus

Projektion bedeutet das Übertragen eigener psychischer Inhalte auf andere Menschen. Das können Gefühle, Wünsche oder Impulse sein, die im Widerstreit zum eigenen Selbstbild, aber auch zu kulturellen Gepflogenheiten stehen können. Das, was man bei sich selbst nicht mag oder was man sich selbst nicht gestattet, wird im anderen gerne verurteilt oder gar bekämpft.

 

Der Aspekt der Abwehr, aber auch des Schutzes bei Projektionen hat die Funktion, sich nicht mit den eigenen unbehaglichen psychischen Inhalten auseinandersetzen zu müssen. Deshalb glaubt man gerne, sie im Gegenüber erkennen zu können.

 

Da Projektionen auf andere Menschen sehr verbreitet sind und viel Unheil anrichten können, möchte ich ein paar typische Beispiele nennen.

 

Beispiele für Projektionen

Angenommen, jemand hat narzisstische, egoistische, ängstliche, überkontrollierende oder misstrauische Persönlichkeitszüge – Eigenschaften, die er sich selbst ungern eingesteht. Dann kann es leicht passieren, dass er beim Arbeitskollegen, beim Nachbarn, bei der Schwiegermutter … diese störenden Charakteristika zu entdecken glaubt.

 

Häufig projizieren auch Eltern ihre eigenen psychischen Anteile unbewusst auf ihre Kinder. Das kann beispielsweise eine allgemeine Lebensangst sein, das können aber auch ganz spezifische Ängste sein – Angst vor Versagen, vor Kontrollverlust, vor Verarmung, vor Ablehnung und Ausgrenzung, vor körperlichen oder seelischen Schmerzen. Dazu kann auch die Angst vor bestimmten Tieren gehören.

 

Auch kulturelle Normen spielen bei Projektionen eine große Rolle. Das, was ich mir selbst nicht erlaube – insbesondere Normverletzungen –, hat sich ein anderer auch nicht zu gestatten. Wenn ich mich nicht getraue, mich beispielsweise gegen den Mainstream zu kleiden, sondern sicherheitshalber lieber jede Mode sofort mitmache, werde ich mich über andere vielleicht hämisch äußern und mich über die lustig machen, die lieber ungewöhnliche Kleider tragen.

 

Projektionen müssen aber nicht zwangsläufig nur negativ sein. Auch Sehnsüchte und Wünsche kann ich beispielsweise auf andere Menschen projizieren. Ich lasse sie meine Wünsche „leben“. Das typische Beispiel ist der Verliebte, der dazu neigt, die Angebetete mit der berühmten rosaroten Brille anzuschauen. Sie hat dann alles, was er sich selber wünscht – und das muss mit der Realität nicht viel zu tun haben. Allerdings geht es ihm auch nicht um die Person selbst, er braucht lediglich eine Projektionsfläche für seine unerfüllten Sehnsüchte.

Diese Form der Projektion nennt man Übertragung.

 

Der ungeliebte Spiegel

Das Anderssein des Gegenübers kann für viele ein „unangenehmer“ Spiegel sein, der eigentlich das eigene Selbst zeigt. Beispielsweise ein Spiegel für die eigene Mutlosigkeit – indem der andere sich etwas traut, was ich nicht wagen würde. Unabhängig davon, ob ich im Einzelfall genau so sein möchte wie das Gegenüber: Es macht mir etwas bei mir deutlich, was ich lieber nicht sehen würde. Da traut sich jemand, aus der Reihe zu tanzen, was ich mir grundsätzlich nicht erlauben würde. Das kann sich sehr unerquicklich anfühlen.

 

Aber anstatt sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, statt sich selbst infrage zu stellen, ziehen wir es dann vor, den anderen abzuwerten. Das ist wesentlich einfacher und zumindest kurzfristig energiesparender.

 

Hier kommt auch das 6. Gesetz des LangeWeges zum Tragen: „Der Mensch wird durch kurzfristige Konsequenzen gelenkt.“ Emotional ist der Mensch viel schneller entlastet, wenn er die „Fehler“ im anderen aufspürt, als sich mühsam und langwierig selbst zu hinterfragen.

 

Auch fremd erscheinende Menschen, z.B. mit Migrationshintergrund, müssen leider oft als Sündenböcke herhalten für Hintergründe, mit denen sie gar nichts zu tun haben. Häufig dienen sie als Projektionsfläche für Probleme, die ganz woanders liegen. 

 

Negative Projektionen sind sehr teuer

Aus dem eben Gesagten resultieren viele Probleme, im Kern sind es vor allem zwei: Die Projektionen bilden erstens einen idealen Nährboden für allerlei Konflikte und damit für psychische und physische Gewalt. Darüber hinaus führen dauerhafte Konflikte häufig auch zu Unzufriedenheit und Krankheit.

 

Zweitens produzieren sie gute Voraussetzungen für Stagnation. Sowohl der Einzelne als auch die Summe der Individuen – also die Gesellschaft – haben große Schwierigkeiten, sich zu entwickeln, denn das Sich-entwickeln-Wollen ist untrennbar mit dem mutigen Anders-sein-Wollen verbunden. Der Wunsch anders zu sein wird jedoch durch die Projektion ausgebremst. Besonders (unbewusste) Ängste werden oft in mögliche Veränderungen hineinprojiziert. Die Abwehr des „drohenden“ Wandels wird jedoch gerne durchaus rational begründet – damit hat das menschliche Gehirn meist keine Probleme.

 

Die Kosten für Krankheit und Unzufriedenheit, die sich daraus ergeben, sind enorm. Wir alle müssen diese Zeche zahlen. Damit meine ich keineswegs nur die finanziellen Kosten. Unglück und Krankheit kosten auch viele Nerven und viel Zeit. Sie produzieren für die Beteiligten erhebliches Leid und sie sind Sand im Getriebe vieler Lebensbereiche, die ansonsten reibungslos vonstattengehen könnten. 

 

Die Konsequenzen – für die Zufriedenheit und für die Gesundheit

In unserer Kultur wird die Verantwortung für Gesundheit und für Zufriedenheit weitgehend individualisiert. Jeder hat seine Krankenversicherung und hat sich um die eigene Gesundheit vornehmlich selbst zu kümmern. Manche verstehen dies als besonderes liberales Privileg, das es zu schützen gilt. Die Ingredienzien für eine gesunde individuelle Lebensführung sind ausreichende Bewegung, genügend Erholung und gesunde Ernährung. Denn schließlich ist jeder seines Glückes Schmied, oder?

 

Nach der Philosophie des LangeWeges ist das jedoch nur eine Seite der Medaille.

 

In meinem Buch „Wer nix checkt, kann nix ändern!“ habe ich beschrieben, dass die individuelle Gesundheit und Zufriedenheit von wesentlich mehr Faktoren abhängen. Auch von Bedingungen, die außerhalb des eigenen (Anstrengungs-)Wirkungsbereichs liegen. Der Mensch ist ein eingebettetes Wesen: eingebettet in seine sozialen, ökonomischen, ökologischen und kulturellen Umwelten, die sich zudem wechselseitig beeinflussen. Schließlich ist der Mensch zusätzlich in seine Körperlichkeit eingebettet, was für LangeWeg-Geher eine große Bedeutung hat.

 

Die Art und Weise des Eingebettet-Seins beeinflusst die menschliche Zufriedenheit und Gesundheit ganz entscheidend. Wer es also mit der Gesundheit und Zufriedenheit ernst meint, wer unser Gesundheitssystem nicht mit einem Reparaturbetrieb gleichsetzen möchte, der kommt um diese Zusammenhänge nicht herum.

 

Stringent folgt daraus, dass die Verantwortung für Gesundheit und Wohlbefinden nicht ausschließlich in der Hand des Einzelnen liegen kann.

 

Wie wir miteinander umgehen (soziale Einbettung), hat einen großen Einfluss auf unsere Zufriedenheit und unsere Gesundheit. Deshalb sollten wir als Gesellschaft daran interessiert sein, eine förderliche soziale Einbettung zu gewährleisten. Dafür könnte man beispielsweise eine ethisch verankerte und kooperativ orientierte Selbstlenkung zum Schulfach erheben.

 

Wer sich im Sinne des LangeWeges gut zu steuern weiß, der ist nicht nur für negative Projektionen bei sich und anderen sensibilisiert, sondern bringt weitere Voraussetzungen mit, um ein gedeihliches Miteinander zu fördern.

 

Es gab bereits früher die Forderung, Glück und Zufriedenheit in den schulischen Lehrplan mitaufzunehmen.

Eine gute Idee – aber um dort hinzukommen, braucht man einen Weg.

 

Die Konsequenzen für die LangeWeg-Geher

Als Basic-Blog-Leser kennst du den LangeWeg vielleicht noch nicht. Dennoch möchte ich abschließend ein paar Empfehlungen aussprechen, wie du mit der beschriebenen Situation umgehen kannst.

 

Wer sich als Mensch weiterentwickeln möchte, der kann sich um das Thema Eigenverantwortung nicht herumdrücken. Übernehme also die Verantwortung für dein Denken, für deine Gefühle und für dein Handeln. Ich weiß, das kann manchmal schmerzlich sein. Aber wenn du als Persönlichkeit wachsen möchtest, dann gehören Wachstumsschmerzen manchmal dazu.

 

Wenn du also beispielsweise über jemanden verärgert bist, dann lasse dich vom Groll nicht einfach überrollen. Gehe auf Distanz zu deinen Gedanken und Gefühlen. Frage dich z.B. ehrlich, ob der andere etwas tut, hat oder sagt, was du dir verkneifst. Oder frage dich aufrichtig, ob der andere eine Eigenschaft hat, die du bei dir selbst nicht magst oder um die du ihn in Wahrheit beneidest …

 

Wie gesagt, das ist wahrlich nicht einfach. Aber wenn du ein erfolgreicher LangeWeg-Beschreiter werden willst, darfst du diesen Fels nicht einfach umschiffen. Der Weg verfolgt unter anderem das Ziel, sich von unvorteilhaften Denk-, Fühl- und Verhaltensmustern zu befreien. Und die Lösung von den eigenen negativen Projektionen ist ein wichtiger Teil davon. Gelingt es dir nicht, dich davon zu lösen, dann folgen Konflikte, Stress, Ärger und manchmal auch Krankheit.  

 

Obacht!

Freilich ist nicht jeder Ärger reine Projektion. Du kannst in vielen Fällen völlig zu Recht auf jemanden sauer sein. Dennoch rate ich dir, achtsam mit deinen Bewertungen und Gefühlen umzugehen. Folge nicht automatisch deinen ersten Impulsen, hinterfrage sie mit einer distanzierten geistigen Grundhaltung.

 

Wenn du dich über einen Menschen aufregst, dann sind die Gründe hierfür häufig weder reine Projektionen noch sind ausschließlich berechtigte oder rationale Gründe dafür verantwortlich. Auch hier ist die Welt nicht einfach in schwarz und weiß zu trennen. Es gibt in der Regel Graubereiche. Das bedeutet, wenn du dich ärgerst, dann können als Ursachen sowohl inhaltlich-berechtigte als auch projektive Anteile mit im Spiel sein.

 

Der LangeWeg-Geher lernt, beides achtsam voneinander zu unterscheiden. 

 

Simone – genussvoll leben

Im nächsten Praxis-Artikel am 03.07.2020 geht es um Simone. Sie hat festgestellt, dass sie das Genießen generell verlernt hat. Besonders beruflicher Stress und private Verpflichtungen macht sie dafür verantwortlich. Aber damit soll jetzt Schluss sein. Sie möchte aus ihrem genussarmen Leben ausbrechen. Dabei stellt sie fest, dass sie ihre früheren Vorstellungen vom Genießen heute ziemlich fragwürdig findet ...

 

Ich freue mich, dich dann wieder als Leser begrüßen zu dürfen.

 

Geh beharrlich deinen Weg – meine besten Wünsche begleiten dich dabei

Herbert Lange

 

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