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Marion – ein selbstbestimmtes Leben führen

 

An den Anfang dieses Beitrags möchte ich ein Zitat von Jon Kabat-Zinn, dem Begründer der Stress-Reduktionsmethode Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR), stellen: „In der Meditation geht es ganz einfach darum, man selbst zu sein und sich allmählich darüber klar zu werden, wer das ist.“

 

Der LangeWeg möchte dir auf der Grundlage des „Klarwerdens“ darüber hinaus zeigen, wie du im Alltag immer mehr du selbst wirst, also der Mensch, der ohnehin in dir steckt.

 

Die Geschichte von Marion mag an die von Monika erinnern, um die es in einem der letzten Blog-Beiträge ging. Im Unterschied dazu möchte ich hier näher auf die Hintergründe der ungünstigen und tief eingeschliffenen „Programmierung“ eingehen, die Marions Leben stark bestimmt. 

 

Die Geschichte

Marion ist eine sehr gefragte Frau. Angestellt in einer kleinen Firma, kennt sie – weil sie dort schon zwanzig Jahre arbeitet – fast jeden Bereich in- und auswendig. Kommt eine ihrer Kolleginnen bei einer Frage oder einem Problem nicht weiter, steht sie bei Marion vor dem Schreibtisch. Auch ihr Chef weiß ihre Kompetenz zu schätzen und bittet sie um allerlei Zusatzaufgaben.

 

Auf Marions Schreibtisch stapeln sich daher oft Aufgaben, die gar nicht die ihren sind. Und weil sie ein wahrer Tausendsassa ist, schafft sie normalerweise sogar alles – sowohl die eigenen Arbeiten als auch die der anderen. Damit aber nicht genug. Marions Adleraugen entgehen auch jene Dinge nicht, die in der Firma nicht besonders gut laufen. Scharf analysierend greift sie diese Punkte auf, um anschließend Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten, die sie dann auch gleich selbst umsetzt. Selbst bei Aufgaben, für die eigentlich andere verantwortlich sind, packt sie dann an.

 

In ihrem privaten Leben läuft es ganz ähnlich. Man ahnt schon, wie das aussehen könnte ... Ihr Mann ist außerdem aus dem gleichen Holz geschnitzt wie sie. Weil also beide ziemlich unter Strom stehen, haben sie füreinander kaum Zeit und leben weitgehend aneinander vorbei. Sie geben einander zwar gegenseitig ab und zu gute Ratschläge für die gesundheitsförderliche Selbstfürsorge, für sich selbst nehmen sie sich dafür aber keine Zeit – es gibt ja einfach immer zu viel zu tun. 

 

Die Folgen

Seit etwa einem Jahr wird Marion von zunehmenden Rückenschmerzen geplagt. Obwohl sie äußerst ungern zum Arzt geht, hatte sie sich entschlossen, einen Orthopäden aufzusuchen. Dieser bescheinigte ihr, kein körperliches Problem zu haben, physisch wäre mit ihrem Rücken alles in Ordnung. Wutschnaubend verließ sie die Praxis und haderte zu Hause mit der Diagnose des Arztes. Schließlich bildete sie sich die Schmerzen nicht ein – hierfür musste es doch eine Ursache geben!

 

Also suchte sie einen weiteren Orthopäden auf, welcher ihr den gleichen Befund mitteilte. „So ein Quacksalber“, wetterte sie erbost.

Im Grunde hatte Marion sogar recht: Es gab eine Ursache für Ihre Beschwerden – nur nicht dort, wo sie diese vermutete.

 

Die Rückenscherzen wurden immer schlimmer. Und was für Marion noch schwerer zu ertragen war: Sie funktionierte dadurch nicht mehr richtig. Sie konnte immer weniger die Erwartungen anderer und schon gar nicht die eigenen erfüllen. Der daraus resultierende Stress verstärkte die Schmerzen zusätzlich – ein Teufelskreis für Marion. Die Zusammenhänge sah sie aber immer noch nicht.

 

Schließlich musste sie sich krankschreiben lassen – der Supergau für Marion. Das stresste sie noch mehr. Die Frau, die gewohnt war, alles managen zu können, verlor nun die Kontrolle.

 

Die Rezepte, die bisher gut funktioniert und die sie stark gemacht hatten – Fleiß, wache Aufmerksamkeit, hohes Verantwortungsbewusstsein, scharfer analytischer Verstand, ausgewiesene fachliche Kompetenz – griffen plötzlich nicht mehr. Und sie wusste einfach nicht, wo sie den Hebel ansetzen sollte. 

 

Die Hintergründe

Der Blick in die Biografie Marions machte einiges in ihrem Verhalten verständlicher. Marion war in ihrer Ursprungsfamilie die Älteste von drei Geschwistern. Ihre Eltern ließen sich scheiden, als sie zehn Jahre alt war. Besonders ab diesem Zeitpunkt musste sie sich verstärkt um ihre jüngeren Geschwister kümmern. Marion passte auf sie auf, überwachte ihre Hausaufgaben und war auch für ihre sonstigen Nöte zuständig. Schon früh lernte sie also, den Laden zu Hause zu schmeißen und zusammenzuhalten. Ihre Mutter verließ sich auf sie, was sie auch konnte, denn Marion machte ihre Sache ausgezeichnet.

 

Nun, man muss kein Psychologe sein, um zu ahnen, welche Konsequenzen eine solche prägende Erfahrung haben kann. Marion verlernte früh, auf sich zu achten. Ihre Bedürfnisse, Wünsche und Befindlichkeiten hatten im Kontext ihrer frühen Entwicklung wenig Raum. Und dieses erlernte Nicht-auf-sich-Achten zog sich durch ihr ganzes Leben.

 

Im Unterschied zu Monikas Geschichte gab es in Marions Leben schlichtweg keine Phase, in der sie sich ihren Interessen widmen oder Hobbys finden und ausüben konnte. 

 

Was kann Marion helfen?

Aufgrund der beschriebenen Ausgangssituation würde ich Marion zunächst empfehlen, eine Psychotherapie zu beginnen. Ergänzend dazu würde ich ihr raten, ein körperorientiertes Therapieverfahren zu erlernen und auszuüben – beispielsweise Atemtherapie, Body-Scan (Einübung achtsamer Körperwahrnehmung) oder Yoga. Mit einem solchen Verfahren kann Marion allmählich den Zugang zu den eignen Gefühlen und Bedürfnissen entwickeln.

Erst im nächsten Schritt würde ich ihr dazu raten, mit dem LangeWeg weiterzuarbeiten.

 

Fazit

Mit diesem Beispiel möchte ich bewusst die Grenzen des LangeWeges aufzeigen. Ist der Mensch aufgrund einer bestimmten Entwicklung zu sehr von seiner Innenwelt, seinen Bedürfnissen und Gefühlen abgeschnitten, ist es notwendig, zunächst dieses Grundproblem anzugehen.

 

Der Zugang zu den eigenen Gefühlen, Bedürfnissen und Befindlichkeiten kann aus unterschiedlichen Gründen erschwert sein. Diese Selbstsabotage-Programme, wie ich sie nenne, sind sehr häufig zu beobachte, müssen aber nicht notwendigerweise zu größeren gesundheitlichen Problemen führen. Das Ausmaß solcher Beeinträchtigungen kann bei jedem sehr verschieden sein.

 

Wenn die Beeinträchtigung aber so ausgeprägt ist wie im Falle von Marion, sollte mit dem Beschreiten des LangeWeges erst einmal abgewartet werden, bis der Weg zum „Selbst“ frei geworden ist. Erst dann kann der Mensch die notwendige Freiheit erlangen, um sein wahres Selbst auszuleben.

 

Die Geschichte von Marion vermittelt auch die Erkenntnis, dass der Weg zu einem selbstbestimmten Leben lang sein kann – je nach Ausgangslage.

Wird der Weg jedoch als gewinnbringend erlebt, besteht eine gute Chance, dass er gerne beschritten wird. 

 

Ziele oder Wege – was ist wichtiger im Leben?

Im nächsten Basic-Artikel am 27. März 2020 greife ich einen uralten Streitpunkt auf, nämlich die Frage, was im Leben eigentlich wichtiger ist – die Ziele oder die Wege?

 

Ich freue mich, dich dann wieder als Leser begrüßen zu dürfen.

 

Geh beharrlich deinen Weg – meine besten Wünsche begleiten dich dabei

Herbert Lange

 

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