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Rainer mit dem goldenen Löffel im Mund ...

Die Geschichte

Rainer wuchs als Einzelkind in einem gutsituierten Elternhaus auf. Sein Vater war Chefarzt in einem großen Krankenhaus und seine Mutter war freischaffende Künstlerin – sie malte Bilder. Rainers Kindheit und Jugend verlief bilderbuchmäßig. Stets hatte er gute Freunde, später auch gute Freundinnen. Dank seiner Intelligenz bereitete ihm die Schule nie Mühe. Das Abitur absolvierte er mit einer Gesamtpunktzahl von 690 Punkten = Note 1,5. Und dafür musste er sich nicht einmal sonderlich anstrengen. Überhaupt war sein Leben überaus unangestrengt. Er musste zu Hause keinen Rasen mähen, keine Hecke schneiden und die Straße kehren natürlich auch nicht. Sportlicher Ehrgeiz war ihm fremd, lieber klampfte er rauchend in seinem Zimmer auf seiner E-Gitarre. Fürs Feiern waren die Ambitionen schon wesentlich ausgeprägter – mit seinen Kumpels durchzechte oder durchkiffte er als Jugendlicher so manche Nacht.

 

Seinen Vater hat er zu Hause nicht allzu oft angetroffen. Wenn dieser nicht arbeitete oder sein Wochenende nicht mit Tagungen oder Fortbildungen verbrachte, kam er meist eher erschöpft nach Hause und wollte sich einfach nur erholen. Seine Mutter war schon wesentlich präsenter. Sie war liebevoll und interessierte sich für den Jungen. Und sie war ein ausgesprochener Genussmensch – sie aß und trank sehr gern und gut, hörte gerne klassische Musik, las interessante Bücher … und hat ihr Hobby zum Beruf gemacht. Fordernd oder streng war sie selten.

Rainer hatte also eine Traumkindheit und -jugend. Sollte man meinen ...

 

Der Knacks

Doch jetzt kommt der Knacks. Nach dem Abi stellte er sich die Frage: Wie geht’s denn nun weiter? Bisher lief ja alles locker, leicht und lässig in gewohnten Bahnen. Kümmern musste sich Rainer um praktisch nichts. Von allem Unangenehmem war er befreit und über sich selbst brauchte er sich nicht den Kopf zerbrechen. Jetzt aber begann der „Ernst des Lebens“, – und darauf war er nicht vorbereitet.

 

Erst mal studieren, dachte er sich. Die Naturwissenschaften haben ihn auf dem Gymi interessiert, besonders Physik. Also Physik. In einer bekannten deutschen Großstadt wurde er für das Studium zugelassen, er suchte sich dort, knapp fünfhundert Kilometer von zu Hause entfernt, eine Wohnung – was dank des dicken Geldbeutels des Papas nicht schwierig war. Jetzt konnte es losgehen, aber alles war irgendwie völlig anders. Er hatte in der neuen Stadt noch keine Freunde und um alles musste er sich selbst kümmern – einkaufen, putzen, Wäsche waschen … Und er hatte sich auch selbst zu organisieren. Niemand sagte ihm, was er tun solle. Kein Hahn krähte nach ihm. Außerdem merkte er bald, dass er an der Uni ganz anders gefordert wurde als früher in der Schule. Er musste sich hinsetzen und diszipliniert arbeiten.

 

Auweia! So war seine Software nicht programmiert und sein Projekt Uni drohte zu scheitern. Er hatte große Probleme, sich selbst zu organisieren und die nötige Disziplin fürs Lernen konnte er auch nicht entwickeln. Er verkroch sich immer mehr in den eigenen vier Wänden, trank und rauchte zu viel, verplemperte seine Zeit mit Computerspielen. Aber nach ein paar Monaten dämmerte ihm, so kann´s nicht weitergehen! 

 

Die Kurve kriegen – mit dem LangeWeg!

Angenommen, Rainer wäre in dieser Zeit das Buch „Wer nix checkt, kann nix ändern!“ in die Hände gefallen. Was hätte er tun können, um seine Situation zu verbessern?

 

Wenn jemand mit dem Buch arbeitet, dann ist meine erste dringende Standardempfehlung, zunächst die Selbstsabotage-Programme zu identifizieren. Also füllt Rainer als Erstes den Selbsteinschätzungsbogen des LangeWeges aus. Ergebnis: Besonders bei den Aussagen Nr. 2, Nr. 4 und Nr. 12 sind hohe kritische Werte zu erkennen. An dieser Stelle verzichte ich darauf, die Bedeutung der jeweiligen Aussagen zu wiederholen. Wer möchte, kann sie im Bogen noch mal nachlesen. Diese Blog-Kategorie („LangeWeg-in-der-Praxis“) ist ja für Leser geschrieben, die mit der „Betriebsanleitung“ bereits vertraut sind.

 

Rainer weiß nun, wo er ansetzen sollte, damit er seine Schwierigkeiten überwinden kann. Will er seinen Entwicklungsweg allein gehen? Nein, er fasst sich ein Herz und schließt sich einer achtköpfigen studentischen Selbsterfahrungsgruppe an. Früher hatte er sich über solche „Psycho-Gruppen“ eher lustig gemacht, heute hat er damit begonnen, umzudenken. Die Leute, die er dort kennenlernt, sind meist recht freundlich und sie schlagen sich mit den unterschiedlichsten Problemen herum. Der eine hat Prüfungsängste, eine andere hat ein schwaches Selbstwertgefühl, zwei fühlen sich einsam …

 

Mit einem Studenten und zwei weiteren Studentinnen versteht sich Rainer sehr gut. Er stellt ihnen den LangeWeg vor, mit dem sie gemeinsam ihre Ziele erreichen können. Die anderen lassen sich überzeugen und so gründen sie eine LangeWeg-Kleingruppe. Die Gruppe trifft sich einmal pro Woche über mehrere Jahre hinweg.

 

Ein Thema innerhalb der Gruppenarbeit will ich hier beispielhaft aufgreifen. Ich sagte bereits, dass Rainer bei der Aussage Nr. 4 einen hohen kritischen Wert hatte. Die Aussage lautet: „Persönlich nützliche Aktivitäten lasse ich öfter mal schleifen, weil der ‚innere Schweinehund’ stärker ist.“ Die Geschichte zur Entstehung des Schweinehundes habe ich bereits erzählt. Das Wissen um die Entstehungsgeschichte für Sabotage-Schweini nützt Rainer aber nicht viel. Rein rational weiß er natürlich, dass der innere Schweinehund ihm bei vielem schadet und welche Folgen das für ihn hat. Aber die Ratio hilft wenig, die Malware zu überwinden.

 

Also schauen wir uns mal an, wie er weiter vorgeht. Er stellt sich, wie im Buch empfohlen, eine typische, immer wiederkehrende Situation vor, bei der der Schweinehund Gefühle auslöst, die er für die Umsetzung seines Vorhabens absolut nicht gebrauchen kann.

 

Eine typische Situation: Rainer hat sich vorgenommen, nicht erst dann zu büffeln, wenn Prüfungen bevorstanden. Nein, er will kontinuierlich lernen, an bestimmten Tagen, in dafür freigehaltenen Zeitfenstern. Also macht er es sich bequem, schließt die Augen und stellt sich eine solche Situation vor dem inneren Auge vor. Er lässt nach und nach alle Gefühle zu, die ihn normalerweise kurz vor einer beabsichtigten Lernphase überkommen. Eine Gefühlsmelange mit den hauptsächlichen Zutaten: Trägheit, Ärger und Angst. Manchmal lassen sich die Gefühlsbestandteile erklären, manchmal nur schwer oder gar nicht. Die schlauen Erklärungen oder Deutungen sind aber gar nicht so wichtig. Wichtig ist die achtsame und nicht bewertende Wahrnehmung der eigenen Gefühle. Jetzt projiziert Rainer diesen emotionalen Mischmasch in sein imaginiertes Gesicht. In sein eigenes Antlitz, das diese Gefühle ausdrücken soll. Sobald er sich das Gefühlsgesicht gut vorstellen kann, platziert er das Bild von innen nach außen. Er kann dem Gesicht noch einen Körper hinzu fantasieren und ihn auf einem Stuhl Platz nehmen lassen, sodass beide Blickkontakt halten können (= 1. Schritt der LangeWeg-Kopfkino-Methode). Er praktiziert also eine emotionale (nicht rationale) Distanzierung von einer bisher unvorteilhaften Erlebnisverarbeitung.

Normalerweise ist dieser 1. Schritt für die User nicht so schwer, weil die wiederkehrenden unangenehmen Gefühle sehr gut bekannt sind.

 

Jetzt kommt der etwas schwerere 2. Schritt. Rainer fragt sich nun, wie er sich denn künftig in genau solchen Situationen fühlen möchte. Er sinniert eine Weile, fühlt in sich hinein und kommt zu dem Ergebnis, dass er vor den Lernphasen eine Art gelassene Neugierde empfinden möchte. Auch ein Gefühl der Hoffnung, etwas Neues oder Spannendes hinzulernen zu dürfen. Welche Imaginationen unterstützen ihn nun darin, genau diese Emotionen bei ihm auszulösen? Dafür versucht er, Erlebnisse und Erfahrungen aus seinem bisherigen Leben sensorisch zu erinnern (ISE), die die Wunschgefühle erzeugen könnten. Wieder sinniert er, diesmal etwas länger. Dann kommen die ersten Erinnerungen: Zu seiner Cousine Nora hatte er stets ein sehr gutes Verhältnis. Was ihn an ihr immer unwahrscheinlich beeindruckt hat, war ihre ansteckende Wissbegierde. Im Unterschied zu ihm war Bio ihr Lieblingsfach. Schon als Kind verschlang sie Bücher über die Meeresfauna und Flora, über Pferde, Katzen und Hunde … Alles Lebendige hat sie gefesselt. Rainer hatte bei ihr auch den Eindruck, sie komme beim Lesen oft in einen Flow-Zustand. Nora war also in der Lage, ihm ziemlich genau die Gefühle zu bescheren, die er gut gebrauchen konnte. Also baut er sie in sein Kopfkino ein. Er stellt sich vor, wie sie ihn vor dem Lernen aufmuntert und wie sie mit ihm zusammen lernt. Während er sich in die Physik vertieft, liest Nora ein Bio-Buch. Zwischendurch witzeln beide miteinander zur Auflockerung. Rainer schmückt das Kino noch mit ein paar nützlichen ISE-Details aus – fertig ist der 2. Schritt.

 

In diesem Beispiel macht es Sinn, noch den 3. Schritt mit einzubauen, weil auch äußere Störfaktoren, das Vorhaben Rainers gefährden können. Beispielsweise Smartphone- oder Haustürgeklingel, das ihn vom Lernen abhalten könnte. Also berücksichtigt er auch diese Störoptionen – indem er imaginiert, wie er darauf reagieren könnte. Oder indem er sie zuvor ganz einfach eliminiert (Austaste drücken, Sicherung ausschalten).

 

Rainer hat jetzt also sein Drei-Schritte-Programm zusammen. Nun sollte er das Kino mehrmals am Tag vor dem geistigen Auge ablaufen lassen, immer wieder, mehrere Wochen lang. Und zwar lediglich in der Trockenübung, das heißt, nur im Kopf. Erst wenn er das Gefühl hat, dass das Wunscherleben mit den daran beteiligten Gefühlen sich eingeschliffen hat, erst dann wendet er das Kino in der Realität an. Selbst wenn das Kino in der Realität eine gute Wirkung entfaltet, rate ich dazu, die Trockenübung noch eine Weile fortzusetzen.

 

So, das war die Rainer-Geschichte. Als LangeWeg-Geher hast du natürlich bemerkt, dass ich hier nur eine Facette des Weges geschildert habe – die Drei-Schritte-Methode. Mehrere weitere Aspekte des Weges ließen sich natürlich mit einbauen – aber dann wird es gleich zu komplex.

Nur eines möchte ich noch erwähnen. Im Falle von Rainer ist es äußerst sinnvoll, dass er das Ziel „kontinuierliches Lernen“ mit einem „höheren“ Wunschziel verknüpft – erinnere dich bitte an die Zielpyramide. 

 

Selbstsabotage - eine Einführung

Warum erreichen viele Menschen ihre Wunschziele nicht? Warum haben viele sich abgewöhnt, sich etwas zu wünschen? Weil die tief eingeschliffenen und deshalb meist automatisiert wirkenden Muster häufig genau das verhindern.

 

Im nächsten Artikel bei „LangeWeg-Basics“ werden die Selbstsabotage-Programme im Allgemeinen thematisiert.

 

Geh beharrlich deinen Weg – meine besten Wünsche begleiten dich dabei

Herbert Lange

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